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Drabbles von C. A. Raabe

Beitragsbild für den Blogbeitrag auf Autor sucht Couch: Drabbles von C. A. Raabe

Wer C. A. Raabe liest, merkt sofort: Hier schreibt jemand, der mit wenigen Worten ganze Welten öffnet. Als Autor auf Autor sucht Couch bringt er seine Texte nicht nur aufs Papier, sondern auch live zu den Menschen und kann bei uns für Lesungen gebucht werden. Für unseren Blog hat er uns etwas ganz Besonderes geschickt: eine Sammlung von Drabbles. Das sind Kurzgeschichten mit einer festen Länge von genau 100 Wörtern. Oft entstehen sie aus sogenannten Prompts, also kurzen Themenimpulsen oder Stichworten, die den Ausgangspunkt für die Miniaturen bilden. Diese knappe Form fordert dazu heraus, mit jedem Satz Wirkung zu entfalten.

Montag eben

Vorgaben: Montag, Firma, Computerpanne, Wahrheit

Wieder ein typischer Montag in der Firma. In Gedanken hänge ich den Erinnerungen an mein Dungeons and Dragons Match vom Wochenende nach. Aber ich werde ständig von Usern gestört, die immer noch nicht wissen, dass Montag kein guter Zeitpunkt ist, um Fehler zu melden.

Plötzlich denke ich an „Bastard Operator from Hell“, eine Kurzgeschichte, die allen Hotline-Mitarbeitern aus der Seele spricht. Ich denke, dass es Zeit ist, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Also täusche ich eine Computerpanne vor und maile dabei das Memo der Geschäftsleitung, mit der Wahrheit über die Einstellungsprüfung für neue Mitarbeiterinnen, an Exchange-Members-Germany. Ja, jetzt wird’s besser.

Pfui Buh

Vorgaben: Sushi, Steuererklärung, Schlossgespenst

Der Tag schafft mich wirklich. Heute früh zu spät ins Finanzamt gekommen, weil der Wecker kaputt war. Und dann noch eine Mittagseinladung vom Chef ertragen – es gab Sushi. Pfui, kalter Fisch. Mal sehen, was die nächste Steuererklärung bringt. Ich traue meinen Augen nicht. Was Leute nicht so alles tun, um den Fiskus zu schröpfen. Der hier will mir doch allen Ernstes erzählen, dass er für einen Irrsinnsbetrag alte Eisenketten kaufen musste. Für sein Schlossgespenst. Als Ersatz für die verlorengegangene rostige Rasselkette. Na warte. Was du kannst, das kann ich schon lange. Hier kommt der Bescheid für dreihundert Jahre hinterzogene Märchensteuer.

Unendliche Weiten

Vorgaben: Supernova, defekter Warpantrieb, Petri-Schale, Rangabzeichen

Captain Bates starrte den orangeroten Punkt auf seinem Display an. Sie waren hier, um eine aggressive Spezies daran zu hindern, den bis auf diese Sonne leeren Teil der Proxonius-Galaxie zu übernehmen. Ein defekter Warp-Antrieb machte das unmöglich. Dann erinnerte er sich an eine Simulation im Astrophysik-Kurs. Sie hatten eine Sonne wie eine Petri-Schale benutzt, um mit Antimaterie-Injektion eine Supernova zu erzeugen. Seine Finger krampften sich um das Rangabzeichen, als er seiner Crew befahl, das Schiff mit Fluchtkapseln zu verlassen. Er setzte Kurs auf die Sonne. Wenn er schon gehen musste, dann mit einem ordentlichen Knall.

Oh Jemineh

Vorgaben: Kalender, Schwindelgefühle, Rudi Carell, Ersthelfer-Lehrgang

Karl Jemineh schlug die Augen auf und erblickte einen Kalender, der den 6. August zeigte. Er schoss hoch. Was machte er in diesem fast leeren Raum? Er sollte doch beim Ersthelfer-Lehrgang sein. Kaum war er in der Senkrechten angekommen, da breiteten sich auch wieder Schwindelgefühle aus, und ihm dämmerte, was passiert sein musste. Er hatte die Mund-zu-Mund-Beatmung vorführen sollen, aber als er den Dummy sah und die Person erkannte, war er mit einem Kindheitstrauma konfrontiert worden und umgekippt. Noch im Fallen hatte er den Dummy mit der Stimme eines imaginären Rudi Carell sagen hören: „Und das wäre ihr Preis gewesen.“

Für immer

Vorgaben: Meeresbrise, Schildkröteneier, Vollmondnacht, Spitzentaschentuch

Es war diese Vollmondnacht im Nationalpark Rio Lagartos gewesen. Als Tom zufällig gesehen hatte, dass Tina sich mit einem Spitzentaschentuch den Schweiß vom Gesicht tupfte, da war es um ihn geschehen. Er liebte diese altmodischen Dinger und wusste instinktiv, dass er mit dieser Frau sein Leben verbringen wollte. Auch jetzt, nach so vielen Jahren, erinnerte ihn der Kerzenschein auf ihrer zartweißen Haut an die mondbeschienenen Schildkröteneier, die sie am Strand gefunden hatten. „Erinnerst du dich noch an damals?“, fragte er. Tina sah ihn lächelnd an: „Immer wenn du mich küsst, dann ist es, als wenn die Meeresbrise meinen Körper streichelt.“

Was bleibt nach dieser Lektüre?

Vielleicht das Bedürfnis, die nächste Steuererklärung nach Kettenrasseln zu durchsuchen. Vielleicht aber auch einfach ein Lächeln darüber, dass eine Meeresbrise und ein Spitzentaschentuch die bessere Liebeserklärung sind als jede große Geste. C. A. Raabe beweist mit seinen Drabbles, dass in genau 100 Wörtern ganze Welten stecken. Kurz und überraschend wie ein guter Schlagabtausch. Wer wissen will, wie das live klingt, sollte ihn unbedingt mal für eine Lesung auf eine Couch setzen.